Vizepräsident Rainer Bonhof spricht über die sensationelle Hinrunde, lobt die Arbeit von Lucien Favre und Max Eberl und blickt auf ein bewegtes Jahr zurück
Herr Bonhof, wenn Ihnen heute vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass Borussia zum jetzigen Zeitpunkt der Saison in der Spitzengruppe der Ersten Bundesliga liegt, was hätten Sie dieser Person gesagt?
RAINER BONHOF: Dass sie ein sehr glaubfester Borusse ist (lacht). Aber im Ernst, mit dieser Entwicklung hat wohl niemand gerechnet. Wir waren froh, dass wir in den Relegationsspielen die Klasse gehalten haben. Gleichzeitig haben wir gehofft, dass es die Mannschaft zusammenschweißt, wenn sie durch diese Mühle geht. In dieser Saison sind wir noch stabiler geworden. Das freut mich für die Mannschaft, die in der letzten Saison sehr gelitten hat und jetzt erkannt hat, was möglich ist, wenn man zusammen arbeitet und sich Woche für Woche gemeinsam ein neues Ziel setzt.
Wie ist dieser unglaubliche Aufschwung zu erklären?
RAINER BONHOF: Aus meiner Erfahrung als Spieler kann ich nur sagen, dass man solche Täler wie in der vergangenen Saison nicht oft durchschreiten möchte. Die Relegationsspiele haben irgendetwas in der Mannschaft ausgelöst, sie wollte nicht noch einmal in eine solch schwierige Situation kommen. Hinzu kam in der neuen Saison der Auftaktsieg in München. Die Jungs haben den Rückenwind mitgenommen und gemerkt, dass sie auch mit den „Großen“ mithalten können.
Welches Spiel der Hinrunde hat Sie am meisten beeindruckt?
RAINER BONHOF: Das Auftaktmatch beim FC Bayern war ein Schlüsselspiel. Nicht nur, weil wir dort gewonnen haben, sondern weil wir uns als ein Team mit einem ganz starken Willen präsentiert haben. Spielerisch sensationell war zwei Wochen später das Heimduell gegen Wolfsburg, in dem zu spüren war, dass die Jungs den BORUSSIA-PARK als Festung behaupten wollen. Hinzu kamen taktisch überzeugende Partien wie in Berlin oder Köln. Der Schlüssel des Erfolgs lag aber bei allen Siegen in der mannschaftlichen Geschlossenheit.
Welche Rolle hat Lucien Favre und was schätzen Sie an ihm?
RAINER BONHOF: Lucien Favre hat nach seinem Amtsantritt sofort erkannt, welche Stellschrauben er anziehen muss. Er hat die Defensive gut formiert und sie mit dem Willen ausgestattet, wieder Zu-Null-Spiele abzuliefern. Er hat jedem einzelnen Spieler klar gemacht, dass er ein Teil des Ganzen ist und dieses Ganze das Wesentliche ist, um erfolgreich zu sein. Hinzu kommt seine Akribie und Detailarbeit. Die Mannschaft ist hervorragend organisiert und spielt sehr guten Fußball – das alles ist natürlich auch sein Verdienst.
Oftmals wird Lucien Favre als Vater des Erfolgs bezeichnet. Ein Name, der auch nicht zu kurz kommen darf, ist Max Eberl. Welchen Anteil hat er am Erfolg?
RAINER BONHOF: Max kann stolz sein, diese Mannschaft zusammen gestellt zu haben. Sie war ja auch schon in der vorletzten Saison unter Michael Frontzeck erfolgreich. Dass sie in der vergangenen Saison eine Weile unter ihrem Niveau gespielt hat, ist vor allem mit den schwerwiegenden Ausfällen zu begründen. Max hat aber auch in dieser Phase immer an die Mannschaft geglaubt. Dafür hat er viel Prügel abbekommen. Ich ziehe den Hut davor, dass er nicht explodiert ist und immer die Ruhe bewahrt hat. Wir im Präsidium wussten auch damals, was wir an ihm haben und er ein sehr guter Sportdirektor ist, der permanent damit beschäftigt ist, die Mannschaft weiter zu verfeinern.
Es gab Kritiker, die der sportlichen Führung vorgeworfen haben, dass sie im Sommer keine Hochkaräter verpflichtet hat…
RAINER BONHOF: Weil diese Leute nicht richtig hingeschaut haben. Wir haben uns aber sehr wohl verstärkt – nämlich dadurch, dass wir alle Leistungsträger halten konnten. Es war ein enormer Aufwand, diese Mannschaft zusammen zu halten und fast alle wichtigen Spieler langfristig an uns zu binden. Diese Leistung darf nicht verkannt werden.
Max Eberl betont jede Woche aufs Neue, dass er nur von Spiel zu Spiel und eben nicht an das große Ganze denkt…
RAINER BONHOF: Wenn du von Woche zu Woche denkst, bist du voll auf jedes Spiel fokussiert. Und genau das ist auch der Schlüssel der großen Mannschaften, die im Drei-Tages-Rhythmus spielen und die gerade absolvierte Partie sofort abhaken, um sich auf die nächste Aufgabe zu konzentrieren. Diese Denkweise ist ja nicht nur bei Max Eberl zu finden, auch die Spieler haben sie verinnerlicht.
Andere Trainer und Funktionäre wie Bayern-Präsident Uli Hoeneß ernannten Borussia zu einem Titelkandidaten. Was halten Sie davon?
RAINER BONHOF: Immer wenn es in der Bundesliga Überraschungsmannschaften gibt, die oben mitmischen, werden diese schnell in den Himmel gelobt, um ein wenig von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Das Lob der Konkurrenz tut der Mannschaft sicherlich gut, aber es darf nicht dazu führen, dass sie von ihrer bisherigen Einstellung abrückt. Sie muss weiter im Wochenrhythmus denken und sich jede Woche auf das neue Ziel konzentrieren.
Kann Borussia ihr derzeitiges Niveau über die gesamte Saison halten?
RAINER BONHOF: Es werden sicher Rückschläge kommen, aber die werden wir verarbeiten. In der Mannschaft steckt inzwischen die Überzeugung der eigenen Leistungsstärke – und zwar im Kopf jedes einzelnen Spielers. Und dann sehen wir mal, was am Ende dabei heraus kommt. Grundsätzlich sollten wir aber den Ist-Zustand genießen und nicht über weitere Dinge spekulieren.
Welche Gefahr lauert in der zweiten Saisonhälfte?
RAINER BONHOF: Wir hatten in der Hinrunde einen Riesen-Lauf. In der Rückserie weiß aber nun jeder Gegner, was auf ihn zukommt, wenn er gegen uns spielt – das macht die Aufgabe schwieriger. Wir werden noch ein Schippchen drauf legen müssen, um die Leistungen der Vorrunde zu bestätigen.
Welcher Spieler hat Sie in den vergangenen Monaten am meisten überrascht?
RAINER BONHOF: Juan Arango hat in den vergangenen Wochen erstklassig gespielt. Auch vorher hat er gut gespielt, ist aber in der Gesamtheit etwas untergangen. Und was mich besonders freut, ist, dass Mike Hanke so klasse für die Mannschaft kämpft und nun auch mit Toren belohnt wird. Er war ja monatelang ohne Treffer, ehe er in Köln aufgewacht ist. Das sind aber nur zwei Beispiele von vielen. Jeder Einzelne in der Truppe trägt seinen Teil dazu bei, dass es derzeit rund läuft. Denn auch Juan Arango kann in der Offensive nur glänzen, wenn ihm einer defensiv den Rücken freihält.
Marco Reus hat seine guten Leistungen aus der Vorsaison nicht nur bestätigt, sondern sogar noch getoppt. Hätten Sie ihm das zugetraut?
RAINER BONHOF: Als Max Eberl ihn verpflichtet hat, sagte er mir, dass wir einen Jungen mit großem Potenzial geholt haben. Michael Frontzeck hat das recht früh erkannt und ihn gefördert, und Marco hat das in ihn gesetzte Vertrauen mit Leistung zurückgezahlt. Seitdem hat er sich kontinuierlich weiter entwickelt, aber er steht noch nicht am Ende seiner Entwicklung. Das Erfreuliche ist, dass er weiß, dass er nur als ein Teil des Kollektivs funktioniert. Das betont er ja selbst immer wieder.
Die Kehrseite ist, dass Marco durch jedes Tor interessanter für andere Clubs wird. Glauben Sie, dass es trotzdem möglich ist, dass er auch in der kommenden Saison noch das VfL-Trikot tragen wird?
RAINER BONHOF: Max Eberl hat den Vertrag mit Marco Reus in einer ganz schwierigen Zeit verlängert – das ist ein Zeichen dafür, dass sich Marco hier wohl fühlt. Das gilt auch für die anderen Jungs wie Roel Brouwers, Tony Jantschke oder Marc-André ter Stegen, die ihre Verträge alle kürzlich verlängert haben. Sie merken, dass hier etwas entsteht. Dieses Wohlfühl-Gefühl wollen wir bei allen Spielern so lange wie möglich aufrecht erhalten, natürlich auch bei Marco.
Wenn sie auf das Jahr zurückblicken - was bleibt da hängen?
RAINER BONHOF: Wir haben ein aufregendes Jahr hinter uns, mit dem Klassenerhalt in letzter Minute, der gescheiterten Übernahme von Fremdmächten und einer sensationellen Hinrunde. Das alles hat den Verein, die Mitglieder und Fans sowie die Mannschaft zusammen geschweißt. Alle sind enger zusammen gerückt und zu einer Einheit geworden. An dieser Stelle möchte ich mich auch einmal beim Aufsichts- und Ehrenrat bedanken, die dem Präsidium und der sportlichen Führung auch in den schwierigen Zeiten immer volle Rückendeckung gegeben haben.













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Vom 18.05.2012
Borussia bestreitet zwei Testspiele: am 11. Juli (18.30 Uhr) in Velbert und am 15. Juli (16 Uhr) in Alstätte gegen Preußen Münster.
Vom 15.05.2012
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