NEWS: 19.07.2012

"Wir brauchen Geduld"

"Wir brauchen Geduld"

Standpunkt: Borussias Trainer Lucien Favre über die Erwartungen vor der neuen Saison, die Neuzugänge und die Einschätzungen der Konkurrenz.

Lucien Favre, am morgigen Freitag geht es ins Trainingslager am Tegernsee. Dann sind es noch vier Wochen bis zum ersten Pflichtspiel der Saison, dem DFB-Pokalspiel am 18. August in Aachen. Die Sommerpause war lang, wie groß ist die Vorfreude auf die Saison 2012/13?

Lucien Favre: Ich freue mich sehr auf die neue Saison. Aber wir alle wissen: Es wird schwer. Wir werden alleine in der Hinrunde bis Weihnachten mindestens zehn englische Wochen haben, vielleicht sogar zwölf. Das wird hart und es ist für uns eine neue Herausforderung. In der letzten Saison haben wir mit einem Stamm von 14, 15 Spielern durchgespielt. Das war unsere Stärke, denn wir waren sehr eingespielt. Wir müssen sehen, wie wir diese Stärke in die neue Saison einbringen können, denn wir werden aufgrund des anderen Spielrhythmus‘ ganz sicher mehr Wechsel in der Mannschaft haben.

Borussia hat für die neue Saison fünf neue Spieler verpflichtet. Darunter sind in Luuk de Jong, Granit Xhaka und Alvaro Dominguez drei Spieler, die sich in ausländischen Ligen schon einen guten Namen gemacht haben. Was können Sie zu diesem frühen Zeitpunkt der Vorbereitung schon über die neue Borussia sagen?

Lucien Favre: Wir müssen unsere Mannschaft neu aufbauen. Im Moment ist nur noch von den Neuzugängen die Rede, aber man darf nicht vergessen, wen wir verloren haben: Marco Reus, Dante, Roman Neustädter. Das ist so als würde der FC Barcelona auf einmal Messi, Xavi und Piqué verlieren. Es ist schwer, Spieler dieser Qualität zu ersetzen. Aber wir werden es versuchen.

Wird es gelingen?

Lucien Favre: Max Eberl hat hart gearbeitet, um unsere Abgänge zu kompensieren und der Verein hat seine Ankündigung umgesetzt, die Transfererlöse komplett in die Mannschaft zu investieren. Ich vertraue Max und seinem Scouting-Team, er hat in der Vergangenheit sehr gute Transfers getätigt. Er hat Marco Reus und Dante geholt und auch Roman Neustädter entdeckt. Er kennt das Geschäft, unsere neuen Spieler hat er seit mindestens drei Jahren beobachtet. Es ist wichtig, dass diese Arbeit in einem Club gut organisiert ist, denn der Cheftrainer hat in der Regel keine Zeit, sich hier sehr intensiv einzubringen.

Die fünf neuen Spieler sind zwischen 19 und 23 Jahre alt. Damit geht Borussia weiter den Weg, auf junge, hungrige Spieler zu setzen, die den Höhepunkt ihrer Karriere noch vor sich haben, sich aber auch noch entwickeln müssen. Stehen Sie hinter diesem Weg?

Lucien Favre: Es ist die Geschichte von Borussia Mönchengladbach, auf junge Talente zu setzen und mit ihnen Erfolg zu haben. Das war schon Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre unter Hennes Weisweiler der Fall und man hat hier immer wieder versucht, an diese Epoche anzuknüpfen. Ich respektiere die Gladbacher Philosophie, aber dazu gehört auch Geduld. Der Erfolg kommt auf diese Weise nicht von heute auf morgen.

Borussia hat für die neuen Spieler viel Geld ausgegeben und entsprechend hoch sind die Erwartungen an diese Spieler. Muss man aber nicht auch mit ihnen Geduld haben?

Lucien Favre: Oh ja. Es ist gut, dass sie in der Schweiz, in den Niederlanden oder in Schweden auf sich aufmerksam gemacht haben. Aber es ist eine andere Sache, sich auch in der Bundesliga durchzusetzen. Der Fußball ist hier sehr schnell und die Konkurrenz ist groß. Es gibt in der Bundesliga kein einfaches Spiel. An jedem Wochenende muss man sein Top-Niveau erreichen. Die Bundesliga ist ein anderer Maßstab. Schauen Sie sich Andrea Barzagli an. Der ist jetzt mit Italien Vize-Europameister geworden und hat mit Juventus Turin die Meisterschaft gewonnen. Aber beim VfL Wolfsburg ist er vorher gescheitert. Wenn man sich das vor Augen führt, dann weiß man, dass wir Geduld haben müssen, bis unsere jungen Neuzugänge so weit sind, dass sie in der Bundesliga auf höchstem Niveau bestehen können.

Nach den letzten beiden Saisons haben Borussias Fans großes Vertrauen in Ihre Arbeit. Man traut Ihnen zu, mit der Mannschaft weiter so erfolgreich zu sein wie letzte Saison.

Lucien Favre: Die Fans sind nicht dumm. Sie wissen, dass wir unser Rückgrat verloren haben, weil Reus, Dante und Neustädter weg sind. Marco Reus war an 90 Prozent unserer Tore beteiligt. Wir müssen diese Spieler erst einmal ersetzen. Ich bin nicht Harry Potter. Ein Trainer kann viel bewegen, aber es gibt auch Dinge, die ein Trainer nicht ändern kann. Einen langsamen Spieler kann ich nicht zu einem Sprinter machen. Aber noch einmal: Ich vertraue Max Eberl und seinem Geschick, gute neue Spieler nach Gladbach zu holen. Doch es wird seine Zeit brauchen, bis wir soweit sind, den nächsten Schritt zu tun.

Borussia hat ihren Gegnern in der vergangenen Saison einige Rätsel aufgegeben. Dortmunds Verteidiger Neven Subotic zum Beispiel hat jetzt in einem Interview im Kicker gesagt, Gladbach habe in der Offensive keine Ordnung gehabt und gerade das habe es den Gegnern schwer gemacht. Wird Ihre Mannschaft den Gegnern in der neuen Saison neue Überraschungen bereiten?

Lucien Favre: Das werden wir sehen. Es ist klar, dass wir extrem kreativ sein müssen, wenn wir wieder Erfolg haben wollen. Wir brauchen Spieler mit Durchschlagskraft, Spieler, die gedankenschnell sind, die bereit sind, viel zu laufen, die in der Lage sind, in höchstem Tempo den Ball zu verarbeiten und überraschende Ideen umzusetzen.

Kann es sein, dass die Spieler, die schon länger da sind, einen Vorteil haben? Weil sie genau wissen, was Sie von ihnen erwarten? Weil Sie ihre Vorstellung von Fußball schon gelernt und verinnerlicht haben?

Lucien Favre: Das kann man so generell nicht sagen. Aber es kann durchaus sein, dass es Ende August, wenn es mit den Pflichtspielen losgeht, Überraschungen gibt. Dass nicht die elf Mann spielen, die jetzt jeder auf dem Zettel hat. Die jungen Spieler im Kader machen Druck und das ist gut so. Tolga Cigerci, Julian Korb, Alexander Bieler, Amin Younes, Branimir Hrgota und andere haben genau so eine Chance in die Mannschaft zu kommen wie Spieler mit größeren Namen. Es werden die Spieler spielen, die die beste Mannschaft ergeben.

Ist Borussia wieder zu einer Überraschung in der Lage? Die Konkurrenz scheint das jedenfalls zu glauben. Schalkes Trainer Huub Stevens hat Gladbach als einen Mitfavoriten genannt, auch BVB-Coach Jürgen Klopp hat sich in höchsten Tönen geäußert. Was halten Sie davon?

Lucien Favre: Das ist für mich ein Scherz. Das machen beide ganz geschickt. Dabei geht es doch vor allem darum, Druck von ihren eigenen Mannschaften zu nehmen. Dortmund, Schalke und natürlich auch der FC Bayern gehören zu den umsatzstärksten Vereinen in ganz Europa. Davon sind wir sehr, sehr weit entfernt. Wir sollten uns nicht davon blenden lassen, dass wir viel Geld auf dem Transfermarkt ausgegeben haben. Wir haben auch viel Qualität verloren und es wird einige Zeit brauchen, diese Qualität zu ersetzen. Aber das ist eine reizvolle Aufgabe und ich freue mich darauf.

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