„Das Spiel der Spiele“

Die Borussen-Fans Lothar Reiners (links) und Hubert Peeters waren beim sensationellen 7:1-Sieg gegen Inter Mailand live dabei.

Lothar Reiners und Hubert Peeters saßen beim legendären 7:1-Sieg gegen Inter Mailand auf der Tribüne. Wir sprachen mit den Borussen-Fans über das Spiel und natürlich auch über die Büchse.

„Ich habe die Büchse gesehen, wie sie geflogen ist. Ich kann Ihnen genau sagen, wo die her kam. Wir saßen hier“, sagt Hubert Peeters und tippt dabei immer wieder auf seine Originaleintrittskarte von damals.

Und dann beginnt Peeters die 29. Minute des Spiels zu beschreiben: „Da war ein Foul oder ein Einwurf, auf jeden Fall war das Spiel unterbrochen. Und es war eigentlich genau vor uns an der Mittellinie“, sagt Peeters, der dabei mit den Händen zuerst das Spielfeld und dann die Tribüne auf dem Tisch nachzeichnet, um die Positionen der Beteiligten besser verdeutlichen zu können. „Also ein bisschen rechts daneben“, wirft Lothar Reiners ein, der damals immer zusammen mit Peeters zu den Borussen-Spielen gefahren ist – beim Spiel gegen Inter Mailand in einem silbergrauen Opel, Modell: Rallye Kadett „mit ziemlich lautem Auspuff“, erklärt der damals 29-jährige Reiners.

Peeters, damals 22 Jahre alt, deutet wieder auf die von ihm auf dem Tisch in der Luft „entworfene“ Tribüne, zeigt erst auf die Stelle, wo sie damals saßen, dann auf einen Punkt dicht rechts daneben: „Und genau aus diesem Block kam sie geflogen, also aus Reihe neun oder zehn“, sagt Peeters und zeichnet dann die Flugkurve der wohl berühmtesten Büchse der Fußballgeschichte mit dem Finger nach. „Und die traf den Boninsegna genau an der Schulter, vielleicht ein bisschen höher, so im Nacken, aber nicht am Kopf“, erzählt der heute 62-Jährige und fügt hinzu: „Und dann war das Schöne: Als er wieder aufstehen wollte, kam einer und hat ihm gesagt, dass er unten bleiben soll.“

Sie hatten damals schon vermutet, dass diese Aktion Folgen haben würde - eine Platzsperre oder eine dicke Geldstrafe. „Aber man konnte damals nicht wissen, dass die Italiener und Inter Mailand so viel Einfluss auf die UEFA hatten“, so Peeters, schüttelt den Kopf und ergänzt: „Ansonsten wäre das Spiel bestimmt nicht wiederholt worden.“

Optimistisch seien sie gewesen, als sie sich damals am Mittwochabend des 20. Oktober 1971 im Opel auf dem Weg Richtung Bökelberg machten. Sie kannten Inter Mailand zwar vom Namen her, aber zum damaligen Zeitpunkt gab es nicht die Fülle an Informationen, wie heute. „Aber man wusste, dass Inter eine Mannschaft war, die immer gemauert hat, dafür waren sie bekannt. Und wir haben gedacht, wenn es jetzt 1:0 oder 2:1 ausgeht, da wären wir ja schon alle zufrieden gewesen“, erklärt Reiners. Kurz danach beginnen die Augen des 69-Jährigen zu leuchten: „Und dann war das so ein Spiel - für uns im Grunde genommen ein Jahrhundertspiel. Als es 3:1 stand, da kam eine Euphorie auf. Das lief dann einfach, es harmonierte alles. Die ganze Mannschaft hat sich in einen Rausch gespielt, auch von den Toren her. Der Heynckes hat Tore gemacht, der Le Fevre hat Tore gemacht oder der Freistoß vom Netzer - das waren Traumtore. Man kriegte den Mund gar nicht mehr zu.“ Das Spiel scheint noch mal vor ihren Augen abzulaufen. Einen kurzen Moment später zuckt Peeters mit den Schultern, grinst und sagt: „Inter hatte zu keinem Zeitpunkt eine Chance!“

"Sag‘ ruhig bis in die Morgenstunden"

Nach den turbulenten 90 Minuten waren die beiden einfach froh, so ein Spiel gesehen zu haben. Und sie haben den Sieg gefeiert, lange und ausgiebig. „Meine Frau meinte: sag‘ ruhig bis in die Morgenstunden, denn das stimmt nämlich“, sagt Peeters lachend. Dann verengen sich plötzlich seine Augen und der 62-Jährige berichtet, dass es später ein richtiger Schock gewesen sei, als sie erfuhren, dass die Partie annulliert und ein Wiederholungsspiel angesetzt wurde.

Annullierung hin oder her, für Reiners steht fest: „Für mich war es das Spiel der Spiele, die ich hier in Mönchengladbach überhaupt gesehen habe. Und ich habe viele Spiele gesehen. Aber es war einfach das Traumspiel überhaupt.“

Böklunder