Drei „Spiele“ nach dem Jahrhundertspiel

Borussias 7:1 gegen Inter Mailand fand mehrere Fortsetzungen: Erst am Grünen Tisch, dann im Rückspiel und schließlich im Wiederholungsspiel

Nachspiel. 29. Oktober 1971, Genf

Die Disziplinarkommission der UEFA hat nach siebenstündiger Sitzung dem Einspruch von Inter Mailand gegen die Wertung von Borussias 7:1 statt gegeben und folgende Beschlüsse gefasst: 1. Das Spiel muss in einem neutralen Land wiederholt werden – am Ende einigt man sich aber auf West-Berlin. 2. Das Rückspiel findet wie vorgesehen am 3. November in Mailand statt. 3. Borussia erhält eine Platzsperre für das nächste Europapokal-Heimspiel. 4. Borussia erhält eine Geldstrafe von 10.000 DM. Dr. Sergio Zorzi, der Vorsitzende der UEFA-Disziplinarkommission: „Inter war durch den Ausfall von Boninsegna benachteiligt. Er wurde laut Aussagen des Schiedsrichters Dorpmans und des UEFA-Beobachters Matt Busby einwandfrei von einer Dose am Kopf getroffen. Boninsegna war beim Besuch von Busby in der Halbzeit und am Ende des Spiels betäubt. […] Der Klub Borussia Mönchengladbach war verantwortlich für die Ordnung auf dem Spielfeld. Er war verantwortlich, wenn auch nicht schuldig. Jemand muss die Verantwortung tragen, die objektive Verantwortung, das ist fast schon Kausalhaftung.“ Zufrieden waren nachher beide Seiten nicht. Trainer Hennes Weisweiler: „Man kann die Spieler doch nicht für ihre herrliche Leistung bestrafen. Aber wir müssen uns dem Urteil fügen. Jetzt erst recht.“ Inters Vizepräsident Michele Frisco: „Man hat das Reglement nicht wörtlich ausgelegt, sonst hätte man Borussia aus dem Europacup ausschließen müssen. Der Entscheid bietet Internazionale keine Vorteile, wird aber zweifellos stark kritisiert werden.“

Rückspiel. Mittwoch, 3. November 1971: Inter Mailand - Borussia 4:2 (2:1)

Inter-Fans beim Rückspiel im San Siro-Stadion.

Niemand hat für die Borussen zum Rückspiel in Mailand einen freundlichen Empfang erwartet, das peinliche 1:7 vom Bökelberg hat nicht nur bei den Spielern und den Vereinsverantwortlichen, sondern auch bei den stolzen Inter-Tifosi Wunden hinterlassen. Doch das, was die Mönchengladbacher auf dem Weg zum Spiel im San Siro-Stadion mitmachen müssen, übertrifft die schlimmsten Erwartungen. Der Mannschaftsbus muss sich auf den letzten Metern ins Stadion durch eine tobende Menge schieben, Steine krachen gegen die Fensterscheiben, Fäuste drohen, ein schallendes Pfeifkonzert und hämisches Geschrei sind der Soundtrack für diesen Horrortrip.

„Das mussten wir Spieler erst einmal seelisch und moralisch verarbeiten“ erinnert sich Klaus-Dieter Sieloff. „Das ist nicht allen von uns gelungen.“ Borussias Libero kann Angst und die Nervosität allerdings abstreifen, beim Warmlaufen geht er ganz nah dran an die Absperrungen zur Tribüne, lächelt in Richtung Inter-Fans und zeigt mit seinen beiden Händen die „7“, in Anspielung natürlich auf das schmerzhafte Hinspiel. „Das war vielleicht nicht ganz fair, hat mir aber geholfen. Danach war ich ruhiger.“ Ohnehin steht Fairplay an diesem Abend nicht auf der Tagesordnung – und dafür sind die Italiener verantwortlich. Mit unzähligen brutalen Fouls rächen sie sich, wie die „Westdeutsche Zeitung“ hinterher berichtet, „für das Debakel von Gladbach wie ein reißender Wolf“. In der Halbzeitpause, nach Toren von Bellugi (10.) sowie Boninsegna (13.) und dem Anschlusstreffer von Ulrik Le Fevre (38.), fleht Herbert Wimmer seinen Trainer an: „Nehmen Sie mich raus, der Oriali macht mich noch tot!“ Doch Hennes Weisweiler lässt seinen Mittelfeldspieler auf dem Platz, denn schon in der 22. Minute musste Bleidick verletzt raus. „Wir hatten damit gerechnet, dass uns das Inter-Publikum beschimpfen, auspfeifen und übel behandeln würde“, so Weisweiler. „Aber dass sie uns außer mit den üblichen nervenkostenden Fouls wie Kratzen und Anspucken auch mit gemeinen Tritten, zum Teil hinter dem Rücken des Schiedsrichters, verfolgen würden, hat uns hart getroffen.“

Nach dem Seitenwechsel kommt Borussia besser mit dem Spiel der Gastgeber klar, dennoch fällt nach knapp einer Stunde das 3:1 durch Jair. In der 89. Minute schießt Hans-Jürgen Wittkamp den wichtigen 3:2-Anschlusstreffer und bringt Borussia damit in eine gute Position für das Wiederholungsspiel. Doch mit dem Schlusspfiff markiert Ghio den 4:2-Endstand. Die „Rheinische Post“ schreibt von „Fußball brutal“, sagt aber auch, dass sich Borussia den Vorwurf gefallen lassen muss, „der Nervenprobe nicht ganz gewachsen“ gewesen zu sein. Die Rückkehr, so die RP, hat etwas von der „Heimkehr der Krieger von der Schlacht“. Neben Bleidick sind auch Günter Netzer, Berti Vogts, Luggi Müller und Wolfgang Kleff verletzt. Weisweiler blickt trotz der Niederlage positiv aufs Wiederholungsspiel: „Die Abwehr Inters war auch nicht unverwundbar. Nur mit brutaler Härte hat sie jedes erfolgreiche Sturmspiel meiner Mannschaft unterbunden.“

Wiederholungsspiel. Mittwoch, 1. Dezember 1971 (in Berlin) Borussia - Inter Mailand 0:0

Klaus Sieloff verschießt im Wiederholungsspiel - das torlos endet - einen Elfmeter.

Die Entscheidung, so will es die UEFA, fällt auf neutralem Platz in Berlin. „Das Berliner Publikum stand total hinter uns“, erinnert sich Sieloff. Die Spieler nehmen vor 84.000 Zuschauern sofort das Heft in die Hand, früh gibt es nach Foul von Oriali an Le Fevre Elfmeter für den VfL. „Daran habe ich keine guten Erinnerungen“, blickt Schütze Sieloff zurück. „Keine Ahnung, was mich da geritten hat. Gefühlt lag der Torwart schon lange vor meinem Schuss in der Ecke, in die ich auch geschossen habe.“ Elfmeter verschossen – aber Borussia gibt weiter Gas: Le Fevres Kopfball geht an die Latte, Heynckes rutscht einen Meter vor dem Tor am Ball vorbei: Borussia legt einen echten Sturmlauf hin, 27:9 lautet am Ende die Torschussbilanz, 13:2 die Eckenstatistik. Allein: Der Ball will nicht ins Tor, Inters Abwehr und Keeper Ivano Bordon zeigen eine starke Leistung, haben aber auch Glück, dass Schiedsrichter Taylor nicht noch mindestens zwei weitere Male auf Elfmeter entscheidet. Die „Welt“ wundert sich, dass Referee Jack Taylor „nichts Verwerfliches darin sah, dass die Inter-Profis amoklaufend die Regeln des Sports verletzten und den Fußballplatz zum Schlachtfeld machten“. Negativer Höhepunkt ist in der 89. Minute ein brutales Foulspiel von Boninsegna an Luggi Müller, der einen Schienbeinbruch erleidet.

„Wir waren in Berlin überlegen, aber Facchetti und Co. haben getreten, was das Zeug hält“, sagt Sieloff heute. „Es gab immer wieder Unterbrechungen und eigentlich keinen Spielfluss. Die Spiele gegen Inter Mailand waren nur sehr schwer zu verarbeiten, ich hatte viele Jahre überhaupt keine Lust, etwas Italienisches zu essen und war auch auf Italiener nicht gut zu sprechen. So bitter und unverdient unser Ausscheiden auch war: Insgesamt überwiegt der Stolz über das tolle 7:1, der Sieg ist ja zur Legende geworden. Wer weiß, ob das Spiel heute diesen Stellenwert hätte, wenn wir am Ende ins Viertelfinale eingezogen wären.“

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