Die Titelverteidigung

Der Pfostenbruch am Bökelberg. Laumen hat keine Geschichte seiner erfolgreichen Laufbahn öfter erzählen müssen.
Herbert Laumen liegt im Netz des Tores vor der Nordkurve: Im Moment des Pfostenbruchs am 3. April 1971 weiß der VfL-Angreifer noch nicht, dass er Geschichte geschrieben hat.

Ein morsches Gebälk hat am Bökelberg Geschichte gemacht, weil es zum falschen Zeitpunkt auseinanderbrach. Die Geschichte vom Pfostenbruch ist jedem Gladbach-Anhänger ebenso geläufig wie die großen Siege der Borussia. Am 3. April 1971 gastiert Werder Bremen am Bökelberg. Borussia braucht auf dem Weg zur Titelverteidigung unbedingt einen Sieg, denn der Vorsprung auf den punktgleichen Verfolger Bayern München beträgt sieben Spieltage vor dem Saisonende nur vier Tore. Die frühe Führung durch Horst Köppel hat Werder-Torjäger Dieter Hasebrink schnell wieder ausgeglichen und Borussias Angreifer finden in der gut aufgestellten Bremer Hintermannschaft keine Lücke.

Dann fliegt eine hohe Flanke durch den Bremer Strafraum und Borussias Torjäger Herbert Laumen (Foto) wuchtet sich dem Ball entgegen. Doch Werder-Torwart Günter Bernard kommt vor dem Gladbacher Stürmer an den Ball und lenkt ihn mit der rechten Hand über die Latte. Laumen aber ist nicht mehr zu bremsen, er fliegt weiter und mit Schwung hinein ins Bremer Tor, wo er wie ein Fisch im Netz zappelt. Die Wucht des Angreifers ist zuviel für das Tor vor der Nordkurve. Wenige Zentimeter über der Grasnarbe knickt der linke Torpfosten um, das Gehäuse sackt samt Pfosten und Latte in sich zusammen. Die in Anbetracht des drohenden Punktverlustes schon missmutigen Zuschauer sind auf einmal wieder voll da, schallendes Gelächter macht sich angesichts der grotesken Szenerie auf dem Spielfeld im Stadion breit.

"Brechen Sie das Spiel ab"

Die Freude über das unverhoffte Spektakel weicht bald der Frage: Was nun? Die Bremer Spieler versuchen alles, damit die noch verbleibenden zwei Spielminuten zu Ende gespielt werden können. Umringt von schaulustigen Zuschauern, Ordnern, Gladbacher Spielern und dem Schiedsrichtergespann machen sie sich am Tor zu schaffen und versuchen, den Pfosten wieder in seine Ausgangsstellung zu bringen. Offensichtlich mit der Situation überfordert ist Schiedsrichter Gerd Meuser, der erst sein viertes Bundesligaspiel pfeift und nur mit Mühe seine Ratlosigkeit verbergen kann. Der Gladbacher Kapitän Günter Netzer hat schnell geschaltet, spekuliert auf Abbruch und Neuansetzung des Spiels. Bei einer zweiten Auflage würde man diese Bremer schon schlagen. „Da ist nichts zu machen. Brechen sie das Spiel ab“, sagt Netzer. Aber noch hat Herr Meuser nicht aufgegeben. Er lässt den städtischen Platzwart kommen, doch auch der schüttelt nur den Kopf. Meuser startet den letzten verzweifelten Versuch und schlägt vor, irgendjemand solle den aufgerichteten Pfosten zwei Minuten lang stützen. Eine Idee, die sich nach einigen mehr oder minder lustlosen Versuchen der Gladbacher Ordner als wenig Erfolg versprechend erweist. Schiedsrichter Meuser hat alles versucht, jetzt bleibt ihm nur noch eins: Er geht zum Mittelpunkt und pfeift das Spiel ab, ganze zwölf Minuten nachdem Laumen im Tor gelandet ist.

"Das war höhere Gewalt"

In der Kabine gibt Günter Netzer Interviews: „Das war höhere Gewalt. Es ist wohl eindeutig, dass wir noch einmal gegen Bremen spielen werden.“ Die Zuschauer gehen nach Hause – einmal mehr mit der Gewissheit, etwas Außergewöhnliches erlebt zu haben. „Gut, dass das mit dem Pfosten passierte“, sagt man sich. Doch den Gedankenspielen der Borussen macht die Sportgerichtsbarkeit einen Strich durch die Rechnung. Am 29. April steht die Verhandlung in der ehrwürdigen Verbandsvilla an der Frankfurter Zeppelinallee an. Borussia ist gut vorbereitet und legt ein Gutachten vor, das besagt, ein eventueller Riss im Holz sei von außen nicht zu erkennen gewesen. Doch DFB-Chefankläger Hans Kindermann sieht die Sache anders. Borussia habe den ordnungsgemäßen Zustand des Tores nicht gewissenhaft überprüft und nach dem Unfall nichts getan, um den Schaden zu beheben. Nach zweieinhalb Stunden hat die Gladbacher Delegation verloren. Das Sportgericht erklärt Werder Bremen zum 2:0-Sieger und verurteilt Borussia obendrein zu einer Geldstrafe von 1.500 Mark.

Inzwischen ist es im Rennen um die Meisterschaft noch spannender geworden, die immer noch punktgleichen Bayern haben dank eines 7:0 gegen den 1. FC Köln ihren Rückstand in der Tordifferenz wettgemacht. Zum Glück lassen sich Trainer Hennes Weisweiler und seine Spieler von den Diskussionen um die juristische Auseinandersetzung nicht aus der Ruhe bringen. Sie gewinnen 4:3 in Dortmund und 4:3 gegen Essen, müssen aber mit anschauen, wie die Bayern (1:0 in Bremen und 4:1 gegen Braunschweig) vor dem letzten Spieltag die Spitzenposition in der Tabelle übernehmen. Die Entscheidung über die Deutsche Meisterschaft fällt in einem Kopf-an-Kopf-Rennen am 5. Juni 1971. Bayern München verliert in Duisburg 0:2, die Gladbacher gewinnen in Frankfurt 4:1. Dem Pfostenbruch vom Bökelberg zum Trotz ist Borussia zum zweiten Mal Deutscher Meister und damit der erste Club in der Geschichte der Bundesliga, der seinen Titel verteidigt.

27. Spieltag , Saison 1970/71: Borussia - Werder Bremen (beim Stand von 1:1 in der 88. Minute abgebrochen)

Borussia: Kleff - Bonhof (66. Wloka), Vogts, Müller, Bleidick - Dietrich (36. Laumen), Netzer, Köppel - Wimmer, Heynckes, Le Fèvre

Trainer: Weisweiler

Tore: 1:0 Köppel (7.), 1:1 Hasebrink (17.)

Zuschauer: 14.500